Interview mit dem Autor Nicky Reinert zu seinem neuesten Werk: Willkommen in Berlin

Willkommen in Berlin

Nicky hat ein Buch geschrieben. Und ein zentrales Element ist der Verkehr in Berlin. Das Buch mit dem Titel „Willkommen in Berlin“ handelt von Autofahrern, Radfahrern und Passanten und beschreibt, gewürzt mit einer ordentlichen Portion Humor und Sarkasmus, die Probleme, denen wir alle täglich im Verkehr begegnen. Wir haben uns mit Nicky unterhalten und ihn gefragt, was ihm am Berliner Verkehr stört und warum er so gerne Fahrrad fährt.

Warum hast du ein Buch geschrieben?

Sehr gute Frage. Ich bin froh, dass du das fragst! 🙂 Nun, ich bin jemand, der manchmal aufmerksam durch die Stadt geht und Beobachtungen dann gerne  in Worte fasst. Und gerade, wenn man auf dem Rad, mit dem Auto oder der S-Bahn unterwegs ist, kann man in Berlin sehr viel erleben. Das wollte ich festhalten.

Wovon handelt dein Buch?

Genau genommen von den Menschen, die hier leben und ihren Eigenheiten. Also Radfahrer, die bei Rot über die Ampel fahren, hupende Autofahrer und Touristen, die am Ende der Rolltreppe stehen bleiben.

Bist du eher Radfahrer oder Autofahrer?

Ganz klar beides. Ich bin auch im Auto sehr emotional, genauso wie auf dem Fahrrad. Ich versuche mich dann aber meiner „Bilateralität“ zu besinnen und bringe meist auch Verständnis auf, wenn sich jemand anders daneben benimmt. Ein Beispiel: Als mir auf dem Rad eine andere Radfahrerin die Vorfahrt genommen hat, bin ich sie etwas harsch angegangen. An der nächsten Ampel stand sie dann neben mir, hat sich entschuldigt und am Ende haben wir beide gelacht.

Wie macht sich das bemerkbar, das „daneben benehmen“?

Z.B. das Überholen mit dem Fahrrad auf der rechten Seite. Das ist eine Unsitte, denn für den Autofahrer ist es so noch schwerer, den Überblick zu behalten. Ich versuche, wenn ich Fahrrad fahre, im stockenden Verkehr z.B. immer links zu überholen. Gleichzeitig habe ich als Autofahrer aber auch Verständnis dafür, wenn sich die Radler an mir vorbei drängeln – ich bin nicht jemand, der dann ganz nahe an den Bordstein fährt um „dichtzumachen“. Ich stehe im Stau und die Radfahrer kommen sowieso früher an, da kann man ruhig Platz machen.

Sind Autofahrer und Radfahrer natürliche Feinde?

Nein, das halte ich für den falschen Begriff. Natürlich lässt sich so eine Feindschaft gut verkaufen, weil sie Emotionen weckt. Dass Radfahrer und Autofahrer Feinde sind, halte ich aber für ein populäres aber wenngleich schlechtes Klischee. Das Problem ist eher, dass der Berliner Verkehr und natürlich auch das Verhalten der Verkehrsteilnehmer Interessenkonflikte weckt und begünstigt.

Aber warum haben Radfahrer dann so oft ein Problem mit Autofahrern?

Das haben sie nicht „mit den Autofahrern“ sondern schlicht mit anderen Verkehrsteilnehmern. Das Problem ist eher, dass viele scheinbar mit geschlossenen Augen am Verkehr teilnehmen. Man stört sich also selten explizit am Autofahrer, Radfahrer oder Fussgänger – sondern einfach daran, dass jemand ignorant ist. Ich rege mich auch als Radfahrer oft über andere Radfahrer auf, die z.B. bei Rot über die Ampel fahren und dann den Radweg in der Mitte blockieren. Oder eben Fußgänger, die über den Radweg schlendern. Denen ist das oft nicht bewusst, deswegen wünschte mir einfach mehr Weitblick. Ich stell mich ja auch nicht einfach auf die Straße und schaue mir die Gegend an – auf dem Radweg ist das leider Gang und Gäbe.

Was meinst du muss passieren, damit sich das ändert?

Wie gesagt: Das Bewusstsein muss da sein. Der Berliner Verkehr nimmt immer mehr zu. Die Leute sind zurecht gestresst, weil sie schon wieder im Stau stehen oder keinen Parkplatz finden. Selbst auf dem Rad steht man an Kreuzungen wie am Alexanderplatz mittlerweile an. Und dann kommt jemand auf seinem Hollandrad angeschlendert, stellt sich vorne hin und wenn die Ampel grün wird, schlenkert er erstmal von links nach rechts, so dass man gar nicht überholen kann. Wir sind 3,5 Mio. Menschen, die irgendwie ans Ziel kommen wollen. Das geht nicht ohne Schulterblick.

Das klingt sehr schön, aber geht auch konkreter mit einer Maßnahme, wie z.B. breitere Radwege?

Klar. Mehr Fläche ist immer hilfreich. Aber ich glaube nicht, dass breite Radwege die Lösung sind. Die Flächen sind begrenzt und was wir dem Radfahrer schenken, müssen wir woanders wegnehmen – dem Autofahrer in diesem Fall. Wie z.B. an der Karl-Marx-Allee. Dort soll ja im Winter die rechte der drei Spuren stadtauswärts zu einem Radweg umgebaut werden. Allerdings nur in eine Richtung und nur für eine kleine Strecke. Das wird also den motorisierten Verkehr stark behindern, die Autofahrer sind gestresst und wütend auf die Radfahrer. Und die  haben zwar auf 1 km richtig viel Platz, müssen sich danach wieder auf holprigen Bürgersteigen zwischen parkenden Autos und Passanten durchschlängeln.

Du hast dich ja in deiner Abschlussarbeit mit ÖPNV und dem Berliner Verkehr beschäftigt, hast du eine Idee, wie man es besser machen kann?

Sehr gut recherchiert! 😀 Nun, ich bin kein Verkehrsplaner, also vielleicht der falsche Ansprechpartner für sowas. Wo man zuerst anpacken könnte ist, meiner Meinung nach, der motorisierte Verkehr. Denn dort geht am meisten Platz verloren und Platz ist es ja letztendlich das, was in Berlin fehlt. Den Leuten muss klar sein, dass in einer Großstadt wie Berlin eben kein Platz ist für, ich zitiere mal aus meinem Buch, „1,5 Tonnen lackiertem Stahl mit elektrischen Fensterhebern und 5 Sitzplätzen“, von denen aber nur einer besetzt ist. Warum gibt es nicht viel mehr Fahrgemeinschaften? Die Leute fahren am Morgen alle in die gleiche Richtung und abends wieder zurück – ein Mensch in einem Auto – und wundern sich, warum sie im Stau stehen. Auch die Parkplatzsituation ist unsäglich. Wenn das Car-Sharing-Konzept noch weiter Anklang findet, würde sich das doch auch sofort auf die freien Parkplätze auswirken. Hier könnte man z.B. auch aus staatlicher Sicht Anreize schaffen. Das halte ich sogar für sinnvoller als den dritten Fahrstreifen in einen Radweg umzuwandeln.

Warum fährst du, trotz all der Probleme, trotzdem noch gerne mit dem Rad und was sind deine Lieblingsstrecken?

Naja, Radfahren macht mir ja trotzdem noch sehr viel Spass. Und vor allem bin ich unsagbar schnell. Anstatt mich 30 bis 40 Minuten in übervolle S-Bahnen zwischen schwitzende Menschen zu zwängen kann ich bei bestem Wetter in 20 Minuten ins Büro radeln. Das ist toll. Eine Lieblingsstrecke… schwer zu sagen, weil ich lange nicht jede gute Strecke kenne. Ich mag es, an der Spree entlang zu fahren, z.B. ab Treptower Park in Richtung Osten. Dort ist es noch nicht so überlaufen wie in Mitte und man ist ziemlich schnell in Köpenick und fährt weite Strecken auch durch Wälder, fernab des Verkehrs.

Gibt es auch eine Strecke, die du gar nicht magst?

Ganz klar die Karl-Marx-Alle bzw. Bundesstraße 1. Das ist in beide Richtungen sehr anstrengend. Erstens ist der Radweg sehr oft stark überfüllt und außerdem in einem sehr schlechten Zustand. Es gibt Ampeln, an denen man als Radfahrer viel länger steht als die Autofahrer. Das ist frustrierend, wenn man schnell vorankommen will.

Alles klar. Vielleicht tut sich da ja auch noch was. Berlin will ja jetzt fahrradfreundlicher werden!

Ich hoffe sehr! Ohne unken zu wollen, ist das aber ein steiniger Weg. Wenn man sich die Entwicklungen in z.B. Kopenhagen anschaut, lebt Berlin noch in der Steinzeit, wenn es um die Fahrradfahrer geht.

Dann lassen wir das mal als mahnenden Abschluss so stehen. Vielen Dank für das Gespräch, bis bald!

Danke!

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